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Mit der Kelle ins Mittelalter

Am Alten Fischmarkt haben archäologische Ausgrabungen begonnen. Unter anderen wurden mehrere Leitungssysteme für Abwasser freigelegt. Hier reinigt Grabungshelferin Birgit Grundmann eine dieser Leitungen.

Keinen halben Meter unter der Erde beginnt das Mittelalter. Ein chaotisch anmutendes Gewirr aus Mauerresten, Abwasserleitungen, Bodenplatten und Steinen haben Archäologen in den vergangenen Wochen am Alten Fischmarkt freigelegt - dort, wo die münsterische Familie Lohmann unter anderem ein Ensemble aus modernen Giebelhäusern errichten wird.

Während im Hintergrund ein Bagger die Reste des bereits abgerissenen Hauses Nummer 8 zusammenschiebt, schwärmt Stadtarchäologin Dr. Aurelia Dickers von dem „stadtgeschichtlich hochinteressanten Areal“, um das sie sich bis Mai mit ihren Mitarbeitern kümmern wird.
3000 Quadratmeter umfasst die Fläche, auf der die neue Bebauung entsteht. Doch nur auf 500 Quadratmetern sind die historischen Schichten unterhalb der Erdoberfläche noch intakt. Das restliche Gelände wurde nach dem Krieg bebaut, die Fundamente reichen bis zu dreieinhalb Meter in die Tiefe und haben vermutlich alle Spuren vergangener Jahrhunderte unwiederbringlich zerstört.

Die Fläche, auf der zurzeit gegraben wird, wurde nach dem Krieg nicht unterkellert - ein Glücksfall für die Archäologen. Nachdem sie eine nur 50 Zentimeter dicke Schicht aus Schutt abgetragen hatten, stießen sie bereits auf alte Gebäudereste aus dem 16. und 17. Jahrhundert, daneben kamen Dutzende Meter Wasserleitungen ans Tageslicht. „Ein aufwendiges System, sehr unüblich“, rätselt Dickers. Die Leitungen führten augenscheinlich in die längst vergessene Lilienbeeke, einen Nebenarm der Aa, der unweit des Alten Fischmarktes verlief.

Direkt unter den alten Mauer- und Leitungsresten ist bereits die nächste, ältere Schicht zu erkennen. Die Archäologen stoßen damit immer tiefer ins Mittelalter vor. Gerade mal einen Meter unter der Erdoberfläche befinden sie sich hier, vermutlich werden die Wissenschaftler erst einen weiteren Meter tiefer auf den Mutterboden stoßen. Was sie auf dem Weg durchs die verschiedenen Siedlungsschichten erwarten wird, ist ungewiss.

Fest steht: Die Grabungen finden im Herzen des mittelalterlichen Münster statt, dort, wo einst wohlhabende Bürger in Sichtweite der Domburg lebten und arbeiteten. Neben der derzeit untersuchten Fläche gibt es noch eine weitere, die in der Vergangenheit nicht unterkellert wurde und auf die die Archäologen ebenfalls große Hoffnungen setzen. Die restlichen Flächen sollen baubegleitend untersucht werden, betont Dickers.

Über den Planungsstand der Baumaßnahme sollen die Anlieger am 21. April um 18 Uhr im Veranstaltungsforum der Münster-Arkaden informiert werden. Vor Ort wird unter anderem der Architekt der Neubebauung, Jörg Preckel, sein.

 

WN, 30.03.2010

 

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