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Gebäude bluten nicht

Am Alten Fischmarkt reißen eiserne Ungetüme die alten Gebäude nieder

Die weit aufgerissene Schnauze schließt sich um das wehrlose Opfer. Speichel tropft von den großen Häusern. Passanten halten an, starren auf das Schauspiel, machen Fotos. Wie riesige Urzeitwesen bewegen sich drei Kräne auf dem Alten Fischmarkt. Ihre Bewegungen sind fließend, ihre langen Hälse recken sich bis hoch oben an die Kanten der Gebäude. Dann verbeißt dich ihr Maul im Beton. Es staubt, braunes Wasser fließt die Wand herunter. „Das bekommt man nicht alle Tage geboten“ , sagt der 65-jährige Achim. Er kommt fast täglich hier vorbei, findet die Abrissarbeiten faszinierend und kennt  sich aus: „Der kleine Kran kneift die Betonstücke klein und sortiert Eisen und Holz aus.“ Der Rentner schaut zu dem großen roten Kran, der an der ehemaligen Deutschen Bank nagt. „Das wird wohl noch dauern“, sagt er. Ein paar Brocken Beton rasseln herunter. Der Kran ruckt kurz, aber weiter passiert nichts. „Die Abrissbirnen früher waren noch spannender“ , sagt Achim. Aber auch unkontrollierbarer, gibt er zu. Er blickt zurück zum neuzeitlichen Urzeitmonster. „Als Junge träumt wohl jeder einmal davon, in so einem Kran zu sitzen.“ Die großen Augen des Jungen im Kinderwagen geben ihm Recht. Der Beton bröckelt. Eine Staubwolke hüllt die enge Straße ein. Das Wasser, das vorne aus der Abbruchzange strömt, hilft nur bedingt. Passanten eilen mit Mundschutz vorbei, halten sich die Hände vor die Augen. Der Kranführer steuert sein motorisiertes Ungetüm auf die Fenster zu. Blech knallt am seitlichen Geländer herunter. Achim hebt die hebt die Hand und geht die Straße runter. Morgen kommt er wieder.

 

MZ, 16.06.2010

 

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