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Ein Kran ist besser als Fernsehen

Abbau des 40-Meter-Stahlkolosses am Bült bietet Routine für die Arbeiter und Unterhaltung für die Münsteraner

Münster. Seit neun Monaten ragte der Stahlkoloss 40 Meter hoch aus dem Aufzugschacht des neuen Gebäudekomplexes an der Voßgasse/Ecke Alter Fischmarkt. Mit schwerem Gerät, viel Aufwand und unter neugierigen Blicken vieler Münsteraner haben die Arbeiter den Baukran am Sonntag abgebaut.

Bereits um acht Uhr hatten Bauarbeiter den Bereich Voßgasse/Bült weiträumig abgesperrt. Wegen des regen Verkehrs an Wochentagen sei so eine Aktion nur Sonntags möglich, erklärte Baustellenleiter Reinhard Bitting.

Um den rund 70 Tonnen schweren Baukran demontieren zu können, war ein weiteres Spezialgerät notwendig. Deshalb hatten Schwertransporter am Montag einen hydraulischen Schwerlast-Kran durch die Innenstadt manövriert. Ein Monstrum, das 160 Tonnen Gewicht heben kann. Zunächst musste es die Gegengewichte des Baukrans entfernen. Insgesamt vier Betonquader, jeder 3,5 Tonnen schwer, hob der Spezialkran aus dem Stahlkorb in den blauen Himmel. „Es ist alles genau berechnet, an welcher Seite wie viel Gewicht abgebaut werden darf, damit der Kran kein Übergewicht bekommt“, sagte Monteur Steffen Griese.

Nach den Gewichten folgte der Abbau des fast 50 Meter langen Auslegers. Was ersten Schaulustigen den Atem stocken ließ, war für Kran-Monteur Andreas Enkler „absolute Routine“. Wie ein Wiesel lief Enkler in 40 Metern Höhe über das rot-weiße Metallgestänge und löste die Verschraubungen. Dass er angeseilt war, konnte man von unten nicht erkennen. Zentnerschwere Stahlketten wurden am Ausleger verschraubt. Die Kommandos erfolgten per Funk. Reinhard Bitting zeigte sich entspannt. „Alles läuft planmäßig.“

Konzentrierte Maßarbeit

Doch als der Ausleger am Karabiner des hydraulischen Arms in der Luft baumelte, war auch Bitting zumindest konzentriert. Die Voßgasse hat nur normale Straßenbreite, rechts und links Gebäude. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn sich das Bauteil am Haken verdreht hätte und in eine Häuserfront geschlagen wäre.

Aber Griese hatte alles im Griff. Mit der Hilfe von am Ausleger herunterhängenden Stahlseilen hielt er das Ungetüm in Position, gefühlvoll senkte es der Kranführer auf die Voßgasse ab. „Problematisch wird es nur bei Wind“, sagte Griese. Da brauche es dann ein paar Hände mehr, um die schaukelnde Fracht im Lot zu halten. Nach dem großen Ausleger folgten Gegenausleger, T-Stück und Drehbühne mit Führerkabine.

„Das ist ja Wahnsinn“, sagte Johanna Peter. Die 81-Jährige zieht Baustellen dem Fernsehen vor – nicht nur am Sonntag. „Jede Baustelle, die ich erreichen kann, da schaue ich zu“, sagte sie. Bald täglich sei sie von der Kinderhauser Straße mal eben an der Voßgasse vorbei gegangen, um die Fortschritte des Projekts zu beobachten. „Wer also was wissen will, kann mich fragen“, sagte die ehemalige Landwirtin und lachte. Bis zum Ende, gegen 16 Uhr, wolle sie aber nicht bleiben. Denn dann werde ja nur noch das Loch im Dach zugemacht. 

Münstersche Zeitung, 13.08.2012

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